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U-Verlagerung Sardine











Der Materialschacht der Stollenanlage


Es war ein regnerischer kühler Tag, als wir in Eisfeld irgendwo an einer Bahnunterführung, direkt neben einem Lost-Place parkten. Mein erster Gedanke war: Schön hier neben dem verlassenen Gebäude, aber irgendwie fehlten mir die Berge, welche ich in Thüringen gewohnt war. Hier soll eine Untertage-Verlagerung sein? In diesem Flachland? Svenska, welcher schon mal hier war, beruhigte mich - ja, Olly, du wirst schon sehen, und weit ist es auch nicht. Na gut, erwiderte ich und packte meine sieben (Grad) Sachen zusammen. Und es stimmte genau, nach ein paar hundert Metern über den kleinen Feldweg war tatsächlich sowas wie ein kleiner Hügel vor uns zu sehen, ehe wir den Weg linker Hand auf einen kleinen Trampelpfad verließen. Nach kurzer Zeit standen wir vor dem (Haupt-) Stollenmundloch der U-Verlagerung Sardine. Ich muss an dieser Stelle noch ein wenig weiter ausholen und erwähnen, dass unser lieber Axel (Bunkersachse) uns auf die U Verlagerung Sardine aufmerksam gemacht hatte. Bei einem Besuch in Wuppertal präsentierte er uns ein Video der Anlage. Das war vor ungefähr 15 oder 16 Jahren. Damals dachte ich noch nicht daran, jemals vor Ort zu sein und die U-Verlagerung zu befahren. Desweiteren gab es auch keinerlei
Informationen über die Stollenanlage, so dass die Anlage Sardine zwar irgendwo in meinem Hinterkopf verankert blieb, aber ich nicht davon ausging, jemals einen Bericht darüber schreiben zu müssen/wollen. Aber die Zeiten ändern sich und genau jetzt gerade bin ich dabei einen Bericht über die U-Verlagerung Sardine zu schreiben. Ich persönlich bin ja der Typ, welcher so gut wie keine Vorrecherche betreibt, von Risswerken und Kartenmaterial mal abgesehen, und erst nach der Erkundung anfängt, Informationen über die Anlage zu sammeln. Und es war nicht einfach, das kann ich euch sagen. 


Wenn man in die Suchmaschine der Wahl die Stichworte "Deckname Sardine", "Brauereikeller" und "Eisfeld" eingibt, kommt nicht viel Brauchbares zum Vorschein. Auch ich habe in meinem Privatarchiv sehr viele Aktenordner über diverse U-Verlagerungen, aber nichts über die Sardine. Erwähnt wird öfter mal wird eine Einlagerung von Flakmunition, wobei ich mir nicht sicher bin, ob dieses wirklich der Fall war. Nach mehreren erfolglosen Abenden der Recherche zum Thema U-Verlagerung Sardine wollte ich den ganzen Quatsch letztendlich in die Tonne kloppen und mich lieber anderen Sachen widmen. Doch nach ein paar Wochen Pause stieß ich zufällig auf ein Dokument der OT-Einsatzgruppe Kyffhäuser, wodrinn ein Einsatzbefehl von Lagerleiter Krause vom Arbeitslager Sonneberg zur Griebelschen Brauerei in Eisfeld die Rede war. Demnach sollten der Lagerleiter, zwei deutsche Fachabeiter der Zahnradwerke aus Leipzig und 22 Zwangsarbeiter im Dezember 1944 die Stollenanlage im Brauereikeller Eisfeld zur Untertage-Verlagerung beräumen und vorbereiten. Und schon war ich wieder voll im Thema und nachdem ich ein paar Querverweise kontrolliert hatte, parkte ich mein Leibchen vor meinen Laptop und schrieb diesen kleinen Bericht hier.











Hier und auf dem Foto darüber sind schön die Sandsteinschichten zu sehen.


In der keinen Stadt Sonneberg in Thüringen befand sich die kriegswichtige Fabrik Zahnradwerke C.G.Reinhardt. Genauer gesagt in der Hallestraße 39. Diese Zahnradfabrik war ab Mitte 1942 ein wichtiger Rüstungsstandort für die Deutsche Kriegsmaschinerie, denn sie stellte die Zahnräder her, welche zum Beispiel in Panzern und anderern Fahrzeugen zum Einsatz kamen, ohne die der Krieg nicht weiter am Laufen gehalten werden konnte. Um das Werk mittels Zwangsarbeiter weiter in Produktion zu halten, wurde ab dem 15.09.1944 das Lager Sonneberg errichtet, in dem sich nach Fertigstellung rund 400 Gefangene befanden. Die Gefangenen sollten den Ausfall der deutschen
Arbeiter kompensieren und nach kurzer Einarbeitung die Maschinen in der Zahnradfabrik bedienen. Gegen Ende des Krieges, ab dem 10.04.1945 wurde das Lager Sonneberg ein Aussenlager vom KZ Buchenwald und zählte 467 Zwangsarbeiter. Die Zentrale. oder auch das Hauptwerk befand
sich in Leipzig in der Waisenhausstraße 19. Die Maschinenfabrik in Leipzig hatte wärend des Krieges das Herstellerkürzel "frj" für seine Produkte erhalten. Das Zweitwerk in Sonneberg, die Zahnradfabrik Reinhardt hatte das Kürzel "noe" erhalten. Dieses war nötig, da erstens im Zweiten Weltkrieg nichts ohne Decknamen und Kürzel lief, und zweitens die Produkte intern schnell und genau dem jeweiligen Hersteller zuzuortnen waren. Die Herstellerkürzel wurden auch immer in das Produkt, in diesem Fall die Zahnräder, eingestanzt. Die Entfernung zwischen Sonneberg und Eisfeld beträgt etwa 25 Kilometer. Und obwohl es im Raum Sonneberg auch einige kleinere Bergwerke
gab, wurde für die bombensichere Untertage-Verlagerung der Zahnradfabrik der Eiskeller im Buntsandstein im Eich-Berg in Eisfeld gewählt. Der weiträumige Eiskeller bestand aus einer Mischung aus Brauereikeller und Altbergbau auf Sandstein. 


Die U-Verlagerung bekam den Decknamen "Sardine" und die Objektnummer 0117 vom Reichsministerium für Rüstung und Kriegswirtschaft zugeteilt. Die Untertage-Verlagerung sollte bei Fertigstellung eine Produktionsfläche von 2.600 Quadratmetern haben. Finanziert wurde der Ausbau der Stollenanlage, die Einrichtung der Maschinen, sowie der bevorstehende Umzug von Sonneberg nach Eisfeld von der OT-Einsatzgruppe Kyffhäuser. Wie oben schon erwähnt, fand sich im Dezember 1944 die erste Belegschaft zum Umbau der Stollen in Eisfeld ein. Was genau die Gruppe um Lagerleiter Krause dort gemacht hat, und in welchem Umfang, ließ sich bis zum heutigen Tage leider nicht genau ermitteln. Es ließe sich zwar spekulieren, zumal die ersten Arbeitseinsätze zum Bau, bzw. Umbau zu einer U-Verlagerung eigentlich fast immer die selben Arbeitsschritte waren. Genaueres wird wohl für immer im Dunkeln bleiben. Bei unserer Erkundung fanden wir zwar einen Eiskeller, Altbergbau, jede Menge Müll, aber bis auf die Elektroinstallationen nicht mehr viel vorhanden, was auf eine Untertage-Verlagerung schließen lässt. Es fehlten einfach gänzlich die typischen Merkmale und Einbauten einer U-Verlagerung. Okay, ein paar Mauern und Betonblöcke sahen schon typisch aus, sie konnten allerdings auch genausogut zum alten Bierkeller gehören. Ich persönlich gehe davon aus, dass die Stollen unter der Brauerei nie zur unterirdischen Produktionsstätte umgebaut wurden.











Alles voller Gerümpel.


Die Brauerei Griebel in Eisfeld wurde 1874 gegründet. Ab 1899 wurde sie zur Exportbierbrauerei Gebrüder Griebel und ab dem Jahre wurde sie vom Volkseigenen Betrieb (VEB) Eichberg Brauerei Eisfeld. Im Umfeld der Brauerei gab es mehrere kleinere Bergwerke auf Buntsandstein. So entstand im Laufe der Jahre ein weit verzweigtes Stollensystem unter dem Gelände. Die Stollenanlage für die U-Verlagerung Sardine besteht aus 10 parallel verlaufenden Stollen, vier Querverbindungen, einem Hauptschacht mit Lastenaufzug von 13 Metern Teufe, sowie mehreren kleineren Schächten zur Bewetterung. Der von uns so genannte Reifenstollen (siehe Bild oben) war die Hauptzufahrt in die Stollenanlage. Er endete im unterirdische Sudhaus, von wo aus sich die eigentliche Stollenanlage anschloss. Das Deckgebirge besteht aus einer 20 Meter starken Sandsteinschicht. Ein Teil der Stollen wurde bei Bau der Autobahn im Jahre 2002 verfüllt.


Mit diesen Worten endet auch schon dieser kleine Bericht über die U-Verlagerung Sardine. Ich hätte gerne eine alte intakte Bierflasche der Brauerei während unserer Tour gefunden und abgelichtet. Aber irgendwie hatte ich kein Glück. Unterwegs waren Svenska, Motte und Eismann. Glück Auf











Lost Place - Die alte Brauerei.



Die Fotos stammen von Svenska und Eismann. Vielen Dank dafür.

Danke auch an Dany für die Fotobearbeitung. 


Stollenhausen, Februar/März 2026