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U-Verlagerung "Mittelwerk" 

Unterirdische V-Waffen-Produktion bei Nordhausen


Glückauf......dem aufmerksamen Leser unserer Seite wird es wohl nicht entgangen sein, daß es das Team "untertage-übertage" (jetzt team u-verlagerung.de) mitsamt Anhang schon öfter mal in die Region Nordhausen verschlagen hatte. Wir planen unsere (Kurz-) Urlaube ja schon lange nicht mehr nach dem Motto "wo ist es Schön und wo kann man sich entspannen?"Bei jeder Urlaubsplanung heißt es: Gibts da Altbergbau? Höhlen? Bunker? Stollen? Untertage-Verlagerungen? Und nachdem wir schon im dritten Jahr unser Lager in Nordhausen aufgeschlagen hatten, wird es nun auch mal höchste Zeit für einen angemessenen Bericht über das Mittelwerk in Nordhausen. Über das Mittelwerk ist ja schon einiges geschrieben worden - viele (kleine) Berichte und Fotos gibt es im Netz zu bewundern. Aber mir fehlte immer das Ausführliche, wie es zum Beispiel in dem Buch von Manfred Bornemann beschrieben wird. (Hut ab an dieser Stelle...) All die vielen Details über das Mittelwerk kann ich auch nicht in diesem Bericht unterbringen. Wer liest sich das dann noch durch, dachte ich mir. Lange Zeit habe ich dann diesen Bericht über das Mittelwerk vor mir hergeschoben. Ich habe mich erstmal mit der Materie vertraut gemacht. Das KZ Dora, das Museum und das Mittelwerk wurde einige Male mit leichten Bauchschmerzen von uns besucht. Aber dann habe ich mich endlich aufgerafft und habe diesen Bericht, dessen Einleitung ihr gerade lest, geschrieben. Der Hauptgrund bestand darin, daß ich mich schon seit einigen Jahren mit dem komplexen Thema "Mittelbau" beschäftige und ich das Mittelwerk für wichtig genug halte, daß es auf dieser Internetseite einen Platz verdient. Ein weiterer Grund ist, daß es selbst in meinem Bekanntenkreis einige Leute gibt, die das Mittelwerk, den Mittelbau und das Lager Dora für ein und dieselbe Sache halten. Zugegebenermaßen ist der ganze Mittelbau-Dora-Komplex eine verschachtelte und verworrende Sache, die sich erst nach dem zweiten oder dritten Blick, nach eingehender Recherche aufschlüsselt. Es gibt und gab keine U-Verlagerung Dora. Oder Doch? Na okay - ein Eiskeller in Darmstadt hatte den Decknamen Dora, aber diese U-Verlagerung hatte nichts mit dem Mittelwerk zu tun. Ich hab mir jetzt einfach mal zur Aufgabe gemacht, die Strukturen, den gordischen Knoten aufzulösen und jede U-Anlage einzelnd vorzustellen. Deshalb handelt dieser Bericht auch nur von der U-Verlagerung "Mittelwerk". Zwar werden die anderen Untertage-Verlagerungen kurz erwähnt und das Lager Dora wird ebenfalls kurz angeschnitten - schließlich gehört ja alles irgendwie zusammen.  Aber zum KZ "Dora", zu den an das Mittelwerk angegliederten U-Verlagerungen, und selbst zur V2-Rakete wird es über kurz oder lang einen eigenen Bericht dieser Seite geben. So, an dieser Stelle noch kurz was zum Thema Mittelbau-Dora: Der Name "Mittelbau-Dora" ist ein Sammelbegriff für die gesamte Rüstungsindustrie in der Region Nordhausen. Rund 20 Untertage-Verlagerungen, doppelt soviele Häftlingslager und ein großzügiges Infrastrukturnetz gehören zum Mittelbau-Dora-Komplex. Einige U-Verlagerungen (Anhydrit, Basalt, Lava und Heller) kennt ihr ja schon von unserer Seite - oder ihr werdet sie noch kennenlernen.


Reste des KZ Dora in Nordhausen mit dem Berg Kohnstein in Hintergrund


Und dieser Bericht handelt nun einem der größten unterirdischen Rüstungwerken während des Zweiten Weltkriegs. Nämlich von der Geschichte der U-Verlagerung "Mittelwerk" bei Nordhausen. Also los gehts: Nachdem das deutsche Raketenentwicklungszentrum in Peenemünde an der Ostsee (Deckname "Kitz") im August 1943 von britischen Bombern fast vollständig zerstört wurde, war man gezwungen zu handeln. Um die Serienproduktion der V2-Rakete (eigentlich A4 - Aggregat4) aufrecht zu erhalten und vor weiteren Bombenangriffen zu schützen, kam nur die "Untertage-Verlagerung" der Fabrikanlagen in Frage. Man suchte nach einem geeignetem Stollensystem für die Heeresversuchsanstalt (HVA) "Kitz" aus Peenemünde und man fand auch ein geeigneten unterirdischen Hohlraum, welcher auch groß genug für das Projekt erschien. Und darum soll es in diesem Bericht auch gehen: Um die unterirdische V2-Produktionsstätte "Mittelwerk" im Kohnstein bei Nordhausen im Harz. Doch zuvor gehen wir noch einmal 10 Monate in der Zeit zurück, zum 3.Oktober 1942: Am diesem Tag (heute Tag der Deutschen Einheit) wurde die V2-Rakete zum ersten mal erfolgreich von dem Gelände der HVA (Heeresversuchsanstalt) in den Himmel geschickt. Nach dem erstmalig geglückten Start der V2 genehmigte Adolf Hitler am 22.Dezember des selben Jahres einen von Albert Speer vorgelegtem Plan, wonach eine erste Versuchsserie von 500 V2-Raketen produziert werden sollten. Nach dem Plan von Albert Speer, dem damaligen Kriegsminister für Waffen und Munition, sollten die Raketen in den Zeppelin-Werken in Friedrichshafen und in der HVA in Peenemünde hergestellt werden. Am 15.Januar 1943 wurde Gerd Degenkolb von Albert Speer zum Leiter des neu gegründeten Sonderausschusses "A4" ernannt um dessen Befehle in die Tat umzusetzen. Gerd Degenkolb hatte zuvor schon seine tatkräftigen Fähigkeiten bei der Lokomotivenproduktion mehr als einmal bewiesen. Er bildete innerhalb im Sonderausschuss A4 daraufhin sieben verschiedene Logistik- und Arbeitsausschüsse, von denen jeder beauftragt wurde, einen spezifischen Teil der gesamten Arbeitsaufgabenzu realisieren. Die sieben Logistik- und Arbeitsgruppen im Raketenprojekt A4 waren folgende: Arbeitseinsatz, Bauten, Einrichtungen und Betriebsmittel, Rohmaterial, Sauerstoff, Transport und Zulieferung. Hinzu kamen auch noch die beiden Sonderausschüsse aus der Raketentechnik, nämlich die Fertigungsplanung und der Ausschuss Zelle und elekrische Geräte. Gerd Degenkolb erweiterte das Produktionsziel im April auf 900 A4-Raketen pro Monat. Zu den beiden oberirdischen Produktionsstätten Peenemünde und Friedrichshafen, welche den Decknamen "Stahlknecht-Programm" trugen, kam jetzt noch die Rax-Lokomotiven-Fabrik in der Wiener Neustadt (Degenkolb-Programm) hinzu. Der Vorteil von drei Produktionsstätten an unterschiedlichen Standorten lag darin, daß eventuelle Luftangriffe auf das Reich nicht alle Werke auf einmal zerstören könnten. Doch noch weniger angreifbar wäre eine bombensichere unterirdische Fabrik. Das erkannte auch Gerd Degenkolb und begann fieberhaft zusammen mit seinem Sonderausschuss und dem Heereswaffenamt nach einem geeignetem Platz für das A4-Progamm zu suchen. Nochmals bestätigt wurde das Risiko der übertägigen Fabrikanlagen, als das Werk in Friedrichshafen am 22.Juni von RAF-Bombern (RAF = Royal Air Force) angegriffen und somit die V2-Produktion lahm gelegt wurde. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt trafen sich Hitler und Speer und vereinbarten miteinander, daß das V2-Progamm oberste priorität besitze und noch wichtiger und dringender als alle anderen Waffenprogamme zusammen, wäre. Derweil wurde weiter nach geeigneten unterirdischen Hohlräumen gesucht und man wurde auch fündig: Es war so Mitte Juli 1943. Paul Figge hörte zum ersten mal von einem riesigen unterirdischen Öllager, welches sich in einem Berg bei Nordhausen befand. Ihr hört bestimmt gerade zum ersten mal den Namen Paul Figge und fragt euch, wer das wohl war, oder? Nun, Paul Figge arbeitete für Gerd Degenkolb. Er war Leiter des Zulieferausschusses, welches den Sitz im Kassel hatte. Paul Figge reiste unverzüglich nach Nordhausen am Südharz, stattete dem Öllager im Berg "Kohnstein" einen Besuch ab und stellte fest, daß das Stollensystem genau das war, wonach er und die anderen Ausschüsse des A4/V2-Programms die ganze Zeit gesucht hatten...


Heutiges Stollenmundloch der U-Verlagerung Mittelwerk


Der Kohnstein bis 1943 - Stollenneubau der WIFO-Tanklager Der Kohnstein befindet sich westlich von Niedersachswerfen und nordwestlich von der Stadt Nordhausen. Der Berg besteht fast vollständig aus Gips und Kalkstein. Auf dem Kalkstein lagert eine dünne Schicht aus hartem Dolomit, welche wiederum von einer Lehmschicht überlagert wird. Der krönende Abschluss des Kohnsteins bilden mehrere bewaldete Bergkuppen. (Hoher Kopf: 348 Meter, Kohnsteinkopf: 332 Meter, Gängerkopf: 316 Meter und der Birkenkopfmit einer Höhe von 300 Metern üNN) Senkrechte, weiße Felswände ragen bis zu 120 Meter hoch an der nördlichen und östlichen Seite des Kohnsteinmassivsempor. Das weiche Gestein eignet sich hervorragend zum Stollenbau und natürlich auch zum bergmännischen Abbau. Schon seit 1870 wird am Kohnstein Gips im Tagebaubetrieb gewonnen. Aus Gips wird durch die Ammoniaksynthese Ammoniak gewonnen, welcher wiederum ein Ausgangsprodukt für die Herstellung von Stickstoffdünger diente. Und nicht nur das - Was in der Kriegszeit noch viel wichtiger war, war die Herstellung von Nitrat-Sprengstoff, welches ebenfallsaus Ammoniak hergestellt wurde. Die BASF (Badische Anilin & Soda-Fabrik) errichtete 1917 ein Gipswerk in Niedersachswerfen, welches zur Versorgung der neuen Ammoniakanlage in Merseburg diente. Der Tagebau der BASF baute 1918 etwa 32.000 Tonnen Gips ab. Im folgenden Jahr stieg die Fördermenge auf 82.000 Tonnen an. Nach dem ersten Weltkrieg schlossen sich 1925 die acht größten Farbenhersteller deutschlands zusammen. Die IG-Farben wurde somit gegründet. Auch das Gipswerk in Niedersachswerfen wurde ein Teil des mächtigen Großkonzerns. Die Produktionsmenge stieg nun stetig an und erreichte 1928 den Höhepunkt von 1,2 Millionen Tonnen. Oh, ich merke gerade das ich wieder beim Bergbau gelandet bin - also schnell zurück zum Thema U-Verlagerungen: Im Jahre 1934, ein Jahr nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, gründete der IG-Farben-Konzern zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für öffentliche Arbeiten die Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft, kurz "WIFO" als eine Organisation zur Sicherstellung strategisch wichtiger Rohstoffe für den Kriegsfall. Ein wichtiges Bauvorhaben der WIFO bestand darin, ein bombensicheres, unterirdisches, zentrales Kraftstofflager zu errichten. Die IG-Farben in Niedersachswerfen schlugen der WIFO vor, in "ihrem" Kohnstein ein neues Stollensystem zu errichten. Die Voraussetzungen waren mehr als günstig: Das Gipsgestein war relativ weich und deshalb sehr gut zum Stollenvortrieb geeignet. Den Ausbruch konnte die IG-Farben an das Ammoniakwerk in Merseburg weiterleiten. Desweiteren bestand auch schon eine gute Verkehrsanbindung, ein Fluß zur Wasserversorgung (die Zorge) war in unmittelbarer Nähe, so daß dem Stollenneubau nichts weiter im Wege stand, zumal beide Partner finanzielle Vorteile von dem Stollenprojekt hatten. Die erste U-Verlagerung war also beschlossen. Das unterirdische Öllager des Reiches erhielt den Namen "WIFO-Aussenstelle Niedersachswerfen" oder kurz "Ni". (Ni - abgeleitet von Niedersachswerfen) Die U-Verlagerung "Ni" oder "Ni 105" bezeichnet nur das unterirdische Tanklager der WIFO im Kohnstein. Später, beim Umbau zur V2-Produktion wurde fast nur noch der Deckname "Mittelwerk" benutzt. In einigen Schriftstücken taucht der Tarnname Ni allerdings immernoch auf - doch dazu gleich mehr .Auf dem Gelände der Gipswerke Niedersachswerfen befanden sich bis zum damaligen Zeitpunkt nur zwei kleinere Stollen, welche in den Kohnstein führten. Die beiden Stollen waren als Versuchsstollen zur Erkundung des anliegenden Gesteins aufgefahren worden. Doch das sollte sich nun, im Sommer 1936 ändern: Der für den Stollenneubau verantwortliche Ingenieur Karl Willhelm Neu (welch passender Name) entwarf einen Plan, nachdem zwei parallele Hauptstollen von der Südseite her in den Kohnstein getrieben werden sollten. Diese beiden Stollen sollten als Transportstollen dienen und mit 18 Querstollen, den sog. Kammern verbunden werden. Die Querstollen sollen dann bei Fertigstellung als eigentliches unterirdisches Tanklager dienen. Um möglichst schnell das Stollensystem zu erstellen, sollten die Bauarbeiten aus zwei Richtungen aus erfolgen. Zum einem von den Hauptstollenmundlöchern aus und zum anderen von den beiden kleinen Versuchsstollen des Steinbruchbetriebs aus. Im Juni 1936 begannen die bergmännischen Arbeiten an dem Stollenprojekt im Kohnstein. Rund 400 Bergmänner waren beschäftigt, so daß der Stollenvortrieb gut voran kam. Am 13.März 1937 gelang der Durchbruch des östlichen Hauptstollens (Fahrstollen A). Der westliche Hauptstollen (Fahrstollen B) erreichte seine vorläufige Endlänge am 5. Mai des selben Jahres. Auch die Querstollen wurden im Zuge des Stollenvortriebs der beiden Hauptstollen durch das Gebirge getrieben, so daß sie etwa zur gleichen Zeit fertig wurden. Das Stollenprofil der 18 Kammern war rechteckig. Alle Querstollen hatten eine Breite von 9 Metern und eine Höhe von 7 Metern. Beim Vortrieb der Stollenanlage wurden 260.000m² Gestein zu Tage gefördert. Zur Bewetterung der Untertage-Verlagerung wurde eine Lüftungseinrichtung mit Heizanlage, die aus sechs Öfen bestand im Querstollen 1 (Kammer 1) errichtet. Die frischen Wetter wurden durch drei Wetterschächte in Nähe der Stollenmundlöcher eingezogen und zur Heizanlage gesaugt. Der Abluftschacht befand sich am Ende der Fahrstollen. (Pfingsten 1937 kam es zu starken Wassereinbrüchen in dem zentralen Öllager des Deutschen Reichs. Es tröpfelte und rieselte ständig in der gesamten WIFO-Anlage, so daß der Bau einer Bewetterungsanlage unumgänglich geworden war. Nach Gesprächen zwischen dem Außenstellenleiter Neu und Mitarbeitern der Firma Winkelsträter aus Wuppertal, welche große Erfahrungen auf dem Gebiet der (unterirdischen) Klimatisierung hatten, wurde ein Bewetterungs-Programm erarbeitet, nachdemdie Wetter in der Stollenanlage jede halbe Stunde erneuert werden sollten. Die frischen Wetter sollten in einer Maschinenkammer getrocknet werden. Darauf hin wurde die Kammer 1 am Nordende der Untertage-Verlagerung zur zentralen Belüftungsanlage umgebaut. der Querschlag wurde mit sechs zentralen Heizkesseln bestückt und mit einer Ventilatoren-Station ausgerüstet. Auf die Kammer 1 wurden drei Wetterschächte geteuft. Ein weiterer Wetterschacht wurde auf die Kammer 15 niedergebracht. Nach Fertigstellung der Wetterhaltung des Stollenneubaus wurden in den Kammern 2-18 tausende von Öl- und Treibstofffässer als bombensichere Reserve des Dritten Reichs eingelagert. (WIFO 1) Zum Transport wurde eine zweigleisige Eisenbahntrasse zwischen der Hauptstrecke und den Stollenmundlöchern verlegt. Am Rande von Niedersachswerfen baute die WIFO auch eine kleine Siedlung, welche als Baubüro und Unterkunft für das Dienstpersonal diente. Die Siedlung bestand aus zwanzig Wohnhäusern und zwei Büro-Baracken. Noch bevor das eben beschriebene Öllager (WIFO 1) komplett fertig gestellt war, existierten bereits Pläne, wonach das Stollensystem im Kohnstein durch den ganzen südlichen Teil des Berges hindurch erweitert werden sollte. Die beiden Hauptstollen (Fahrstollen A und B) sollten nun eine Gesamtlänge von 1.800 Metern haben und mit 50 Querstollen miteinander verbunden werden. Das Stollensystem sollte mit einer leichten S-Kurve durch den Kohnstein verlaufen. Die Kammern sollten eine Länge von 150 bis 200 Metern haben. Wurden in den Querstollen 2-18 noch Ölfässer gestapelt, so sollten in die neuen Kammern zwei riesige, 80 Meter lange Öl-Container mit einem Fassungvermögen von je 1.000.000 Litern eingebaut werden. Zu diesem Zwecke wurden die neuen Kammern kreisrund, mit einem Durchmesser von 11 Metern geplant. Die Stollenerweiterung der Anlage "Ni" erfolgtein zwei Arbeitsschritten: "WIFO 2" und "WIFO 3". Auch bei der Vergrößerung der U-Verlagerung im Kohnstein wurden die bergmännischen Arbeiten aus zwei Richtungen aus vorgenommen. Am 8.Dezember 1939 gelang der Durchbruch von Fahrstollen A zum neu erstellten Grenzsstollen. Der Fahrstollen B wurde am 22.Mai 1940 durchschlägig. Zusätzlich wurde zwischen den Kammern 17 - 42 ein weiterer Fahrstollen parallel zwischen den beiden Hauptstollen angelegt. Dieser diente als Versorgungsstollen für die gewaltigen Öltanks in der U-verlagerung. In dieser zweiten Bauphase wurde rund 700.000m² Kalkgestein aus dem Bergmassiv ausgebrochen. Die dritte und letzte Bauphase des Stollenkomplexes im Kohnstein (WIFO 3) galt als die Schwierigste. Die geologische Beschaffenheit des Kohnsteins am Südhang war nicht so standfest wie sonst und somit stark Einsturzgefährdet. Die WIFO war gezwungen ein Spezial-Unternehmen mit dem Stollenvortrieb zu beauftragen. Die Stollen konnten im Südteil des Berges nicht wie bisher im standfesten Gebirge stehen, sondern mussten mit Hilfe von Ausbau vorangetrieben werden. Die Stollen erhielten nun ein gewölbtes Profil, welches mit armierten Betonstößen ausgekleidet wurde. Die Fahrstollen A und B wurden in dem letzten Stollenabschnitt mit einer Breite von 9 Metern und einer Höhe von 6,5 Metern aufgefahren. Trotz schwierigen und mühseligem Unterfangen schaffte man zwischen den Jahren 1941 und 1953 den Durchbruch, so daß zunächst der Fahrstollen B durch den ganzen Gipsberg verlief. Zu dieser Zeit waren bereits 15.000 Tonnen Öl und Schmiermittel in Fässern in der WIFO-Anlage im Kohnstein eingelagert. Dazu kamen noch zwei riesige Tanks, wovon jeder mit einer Million Liter Wasserstoff-Peroxid gefüllt war. Letztere waren in Querstollen 17 eingebaut. Der mittlere Teil des Stollensystems (WIFO 2) war vorgesehen für die Einlagerung von kriegswichtigen Chemikalien. Der südliche Teil war als Kraftstoff-Depot gedacht. Bereits im halbfertigen Bauzustand war das Stollensystem schon das größte unterirdische Treibstofflager Deutschlands und reichte schätzungsweise aus, um den Treibstoffbedarf für gut zwei Jahre sicherzustellen...Die Bauabschitte WIFO I-III nochmal im einzelnen: WIFO I: (Juni 1936 - Mai 1937) Unter dem Firmenauftrag der Ammoniak-Werke Merseburg GmbH arbeiteten rund 400 Menschen bei dem ersten Stollenneubau. Von der Nordseite her wurden in 160 Metern Entfernung 2 Fahrstollen in den Kohnsteinberg getrieben. Gleichzeitig wurde der Notstollen von der Ostseite her bis zur projektierten Linie des Fahrstollens A verlängert. Der erste Bauabschnitt wurde also von drei Stellen gleichzeitig begonnen. Das Stollenprofil war rechteckiger Form und hatte eine Höhe von 7 Metern und eine Breite von 9 Metern. Die Hallen (Kammern) wurden direkt beim Stollenvortrieb mit ausgeschossen. Nach 11 Monaten Bauzeit war das erste Stollensystem im Kohnstein mit 18 Kammern fertig und konnte der WIFO übergeben werden. WIFO II: (Juni 1937 - August 1940) Im Prinzip war bei diesem Bauabschnitt alles so wie beim ersten Bauabschnitt auch. Derselbe Auftraggeber, die gleiche Arbeiterzahl und die selbe Arbeitsweise. Doch einige Änderungen gab es schon. So war diesmal des Stollenprofil kreisrund mit einem Durchmesser von 11 Metern. Die beiden Ausgangs-Punkte für das zweite Stollenprojekt, bzw. die Erweiterung, waren diesmal der Notstollen und ein Grenzstollen, welcher ebenfalls von Osten her in den Gipsberg führte. Das kreisrunde Stollenprofil war dazu gedacht, daß die Kammern nun jeweils zwei riesige Tanks aufnehmen sollten. Zusätzlich wurden zwischen den beiden Fahrstollen auch noch ein Mittelstollen durch den Berg, als Bedienungsstollen für die späteren Tankanlagen, getrieben. Als die zweite Bauphase, übrigens die Größte der gesamten Anlage, der WIFO-Anlage im August beendet war, befanden sich 33 Kammern und über 7 Kilometer Stollenstrecke im Kohnstein. WIFO III: (Juli 1941 - August 1943) Die beauftragten Firmen waren dieses mal die Firmen Gehlen KG aus Kaiserslautern und Sievers&Co aus Vienenburg im Harz. Die eingesetzten 150 Arbeitskräftehatten große Probleme beim Stollenvortrieb der in Halb-Tonnengewölbe aufgefahrenen Stollenstrecke. Die Stollen hatten eine Scheitelhöhe von 6,5 Metern und eine Breite von 9 Metern. Die Schwierigkeit des Stollenbaus bestand darin, daß der Südhang des Kohnsteins mit großen Gebirgsstörungen durchzogen war. Das Gestein war also sehr brüchig. Durch die Störungen im Karst entstanden große Risse, sogenannte Dolinen und Klüfte im Gebirge, welche mit losem Gesteinsmaterial aufgefüllt waren. Die Bergmänner fürchteten diese Schloten, da es beim Durchschlagen immer wieder zu Gesteinsrutschen kam. Die WIFO war also gezwungen die Bergmännischen Arbeiten erfahrenen Bergbauspezialfirmen zu übertragen. Die Stollen wurden also zunächst in drei Pilotstollen, einem Sohlstollen und zwei Firststollen vorgetrieben. Jeder Pilotstollen hatte einen Durchmesser von 2,5 Metern. Erst dann wurden die Hallen und Fahrstollenin voller Profilgröße ausgeschossen, wobei sie sofort mit Gerüsten, Verschalungen und Betonwandungen gegen Verbruch abgesichert wurden. Zunächst wurde vonden beiden Firststollen her, etwa 1,50 Meter über dem eigentlichem Stollenprofil hinaus, das Gestein herausgeschossen. Danach wurde im sog. Einbruchschießender Kern des Profils heraus gesprengt. Die Bohrlöcher hatten eine Tiefe von drei Metern und wurden mit Gelantine-Donarit besetzt. Daraufhin folgte das Kranzschießen, welches den Stollen in voller Größe freilegte. Eine Schmalspurbahn mit Kipploren wurde direkt beim Stollenvortrieb im Stollen verlegt. Mittels der Loren wurden die herausgesprengten Gesteinsmassen beseitigt und der Beton zur Sicherung zur Stollenvortriebsbaustelle gebracht. Die Stärke des Stützbeton-Profils war je nach Standfestigkeit des Gebirges verschieden. Die Betonschicht war zwischen 1,00 Metern und 1,70 Metern stark. Fahrstollen B wurde am 28.08.1943 fertig, so daß der erste Stollen durch den gesamten Kohnstein verlief. Der Bauabschnitt 3 des WIFO-Tanklagers wurde nicht mehr fertiggestellt, da die Untertageanlage nun von der Mittelwerk GmbH übernommen wurde...


Abgesoffene Kammer der U-Verlagerung Mittelwerk


Das Mittelwerk - Bau der unterirdischen Raketenfabrik

Und jetzt kommt wieder Paul Figge ins Spiel. Der eben beschriebene Zustand der Untertage-Verlagerung Ni ist genau der, den Figge vorfand, als er den unterirdischen Komplex im Juli 1943 einen Besuch abstattete. Das, was er im Kohnstein sah, reichte ihm, um kurze Zeit später mit Gerhard Degenkolb erneut auf der Stollen-Baustelle aufzutauchen. Nach Rücksprache mit dem Reichs-Chef war es dann soweit: Hitler entschied Ende Juli, dass die Wifo das unterirdischeTreibstofflager im Kohnstein wieder verlassen müsse und der Stollenneubau der (wichtigeren) V2-Produktion zur Verfügung zu stellen sei. Es wurde ein Vertrag abgeschlossen, indem das Reichsministerium eine Million Reichsmark pro Monat für das Stollensystem zur Verfügung hatte. Um den Umzug nach Nordhausen zu organisieren und die V2-Produktion aufnehmen zu können, schuf Gerhard Degenkolb zwei weitere Ausschüsse. Der Erste war der Ausschuss "Verlagerung", welcher eine Untergruppe von Paul Figges Zuliefererausschusses war. Der Zweite war der Ausschuss "Serienproduktion" unter der Leitung von Albert Sawatzki, einem Ingenieur von den Henschel-Werken, der sich bereits bei der Serienproduktion des Tiger-Panzers bewährt hatte. Im gleichen Monat (Juli 1943) kündigte der Vogesetzte von Gerd Degenkolb an, dass die Produktionsmenge von 900 auf 2.000 V2-Raketen im Monat angehoben werden sollte. Der Vorgesetzte von Gerhard Degenkolb war der Leiter des Technischen Amtes in Albert Speers Ministerium und hatte den Namen Karl Otto Saur. (Saur-Programm) Zusätzlich forderte Karl Otto Saur eine monatliche Produktion von 25.000 Flügelbomben (Flugbomben) vom Typ Fi 103. (auch V1) Einen Tag nach dem Luftangriff auf die HVA in Peenemünde, am 19. August, berichtete Albert Speer im Füherhauptquartier "Wolfsschanze" Adolf Hitler von den Zerstörungen im Raketenentwicklungszentrum und diskutierte mit ihm über Pläne zur Verlagerung der V-Waffen-Produktion ins sichere Nordhausen. Bis zum 22. August dauerten die Besprechungen, an denen auch Heinrich Himmler und Karl Otto Saur beteiligt waren. Als Speer das Haupthindernis zum Ausbau einer unterirdischen Rüstungsfabrik, den Mangel an Arbeitskräften, anmerkte, sah H. Himmler endlich seine Chance in das V2-Projekt mit einzusteigen. Er bot an, Häftlinge aus (seinen) Konzentrationslagern als Arbeitskräfte bereit zu stellen. Die Häftling sollten in kürzestmöglicher Zeit für den Ausbauder unterirdischen Produktiosstätten und auch für die Serienproduktion der Vergeltugswaffen bereitgestellt werden. Zudem garantierte Heinrich Himmler eine totale Geheimhaltung, da die Gefangenen eh von der Außenwelt abgeschnitten wären. Adolf Hitler stimmte zu. Danach ging alles sehr schnell. Nur eine Woche nach Hitlers Beschluss, am 27. August wurde die erste Gruppe, bestehend aus 107 Häftlingen von Buchenwald nach Nordhausen verlegt. Am 2.September folgte die zweite Gruppe. Diesmal waren es 1.223 Gefangene. Einen Monat nach der Besprechung im FHQ "Wolfsschanze", am 21. September, gründeten Kammler und Speer ganz offiziell die Mittelwerk GmbH als Betreiber der zukünftigen untertägigen Fabrik für Vergeltungs-Waffen im Kohnstein. Dr. Kurt Kettler wurde zum neuen geschäftsführenden Direktor der "Mittelwerk GmbH" ernannt. Er hatte sich bis dato wie Degenkolb bei der Lokomotivenproduktion einen guten Namen erarbeitet. Die Ausbauarbeiten des Stollensystems liefen weiter unter der Leitung des WIFO-Stabs, da sie über das technische Know-How der bergmännischen Arbeiten verfügten. Die einzige Veränderung bestand nun darin, dass die Befehle und Bauanweisungen nun von der Mittelwerk GmbH kamen und das der größte Teil der Arbeitskräfte nunmehr aus Gefangenen aus Konzentrationslagern bestand. Bei einer Besprechung am 26. August 1943, zu der Speer, Kammler und Degenkolb anwesend waren, wurde entschieden, daß das Raketenprogramm gesplittet werden sollte. Die Serienfertigung der V2-Waffen wurde von der Entwicklung getrennt. Das Entwicklungswerk bekam nun eine eigene unterirdische bombensichere Fabrik bei Ebensee in Oberöstereich zugewiesen. (U-Verlagerung "Zement") Der Stollenneubau wurde in der Folgezeit zwar fertiggestellt, jedoch kam es nicht zur Verlagerung der Forschungsstelle Peenemünde nach Ebensee. (in die U-Verlagerung "Zement" zogen später die Geilenberg-Projekte "Ofen22-30", "Dachs 2" und eine Panzerteileproduktion der Firma Steyr-Daimler-Puch ein.) Zunächst wurde die Herstellung von Straßen- und Eisenbahnverbindungen in Angriff genommen. Zeitgleich wurde das letzte Stollensystem (WIFO III) fertiggestellt und ein Barackenlager für die Arbeitkräfte in Nähe der Stollen errichtet. Danach erfolgte die Demontage des bereits fertigen Wifo-Depots aus dem Kohnstein. Nach und nach wurde das unterirdische Tanklager der WIFO zu einer Fabrik zur Serienfertigung von V2-Raketen umgebaut. Genaue Pläne wurden erstellt. Diese beinhalteten den genauen Bedarf an Druckluft, Energie, Heizung, Lüftung und Wasser der Untertage-Verlagerung. Auch die genauen Funktionen der einzelnen Kammern in der 97.400m² großen U-Verlagerung wurden genau festgelegt. Die Fertigungsstraße der V2-Raketen war 1.502 Meter lang und solle im Fahrstollen B installiert werden. Die einzelnen Baugruppen der Vorfertigung, sowie die Werkstätten sollten in den Kammern seitlich der Fließbandproduktion untergebracht werden. Der Fahrstollen A sollte als zweigleisige Versorgungsstraße für die gesamte Produktion dienen. Baunummer der U-verlagerung "Mittelwerk" war die 500. Das S-Förmige Stollensystem sah aus der Vogelperspektive aus gesehen, ähnlich wie eine verbogene Leiter aus. Dieser Grundriss war optimal für eine Serienfertigung wie am Fließband. Der Fahrstollen A diente als Verbindungsstollen, durch den die Güterzüge das Rohmaterial zu den einzelnen Kammer brachten. In den Produktionskammern wurden die Komponenten für die Haupt-Produktionsstraße im Fahrstollen B fertiggestellt und geliefert. Im Fahrstollen B nahm die V2 in südlicher Montagerichtung dann immer mehr Gestalt an. In dem B-Stollen waren neben zwei Eisenbahngleisen auch eine Schmalspurstrecke verlegt, auf welcher die Spezialwagen der V2-Raketen-Produktion verliefen. Die Eingänge der Anlage wurden mit Tarnnetzen gegen Luftaufklärer abgetarnt. Über den Stollenmundlöchern wurden zusätzlich Wachtürme zur Beobachtung am Waldrand errichtet. Hitler hatte zunächst bestimmt (21.08.1943), dass die drei ursprünglichen, oberirdischen V2-Werke an ihrer Produktion weiterarbeiten sollten, während die U-Verlagerung Mittelwerk weiter ausgebaut wird. Das Ziel war eine Übertage-Produktion von 900 V2-Raketen pro Monat. Die gleich Menge sollte auch unter Tage hergestellt werden. Anfang September des gleichen Jahres aber änderte er seine Meinung und beschloss, dass alle 1.800 Stück der Vergeltungswaffen untertage im Kohnstein bei Nordhausen produziert werden sollten. Der gesamte Maschinenpark der drei Rüstungsfabriken und das Personal sollten nun nach Nordhausen verlegt werden...


Kammer mit Resten von  V1-Schrott in der größten U-Verlagerung der Welt


Nachdem die verschiedensten Organisationen in den Südharz, nach Nordhausen umgesiedelt wurden, begann man mit dem Aufbau der Tagesanlagen. Vor dem Stollenmundloch richtete der ehemalige Serienproduktionsausschussleiter Sawatzki, welcher mittlerweile zum technischen Direktor des Mittelwerkes aufgestiegen war, eine Baubüro-Baracke ein. Die anderen Ausschüsse und die deutschen Zivilarbeiter kamen in der näheren Umgebung, in beschlagnahmten Gaststätten und anderen Gebäuden unter. Die eigentlichen Arbeitskräfte, die Zwangsarbeiter mussten in den unterirdischen Stollen ihr klägliches Quartier beziehen. Das Lager "Dora" gab es zum diesen Zeitpunkt der Geschichte des Mittelwerks noch nicht. Die Häftlinge arbeiteten und schliefen also anfangs in der U-Verlagerung, so daß sie oftmals wochenlang keine Sonne, kein Tageslicht zu sehen bekamen. In der ersten Zeit waren die Häftlinge in dem 1.800m² großen Querstollen 38 untergebracht. Ausser Stroh und Decken hatten sie nichts, was ihren Schlaf angenehmer gemacht hätte. Für die Notdurft musste ein Latrinenkübel ausreichen. Das spärliche Licht in dem Schlafstollen spendeten einige Karbitlampen. Als im Oktober die Querstollen 43-46 fertiggestelltwaren, wurde eine Tischlergruppe damit beauftragt, die Kammern als weitere Schlafstollen für die Gefangenen herzurichten. Die Tischler bauten einfache, mehrgeschossige "Etagenbetten" als Schlafplatz für die Häftlinge. Diese drei- bis Vierstöckigen Betten waren von so einfacher Bauart, daß sie kaum das (wenige) Gewicht der Häftlinge aushielten, so daß einige Betten einfach zusammenbrachen. So mancher Häftling fand dabei den Tod. Die vier Schlafkammern hatten jeweils eine Länge von 120 Metern. Sie waren 9 Meter hoch und 12 Meter breit. In die vier Stollen wurden etwa 6.000  Häftlinge reingepresst. Trotz Rotationsbelegung der Betten, bedingt durch den Schichtbetrieb, reichte der Platz bei weitem nicht aus. Zu dem Zeitpunkt (Oktober 1943) gab es weder Wasser, noch Heizung oder Lüftung in den stickigen Schlafstollen. Da die Kammern nur durch einfache Holzkonstruktionen mit Planen von den Fahrstollen abgetrennt waren, füllten sich die Räume nach jeder Sprengung in der Nähe mit ungesundem, beißendem und erstickendem Staub. Auch die sanitären Anlagen ließen zu Wünschen übrig. Sie bestanden lediglich aus Behelfs-Latrinen, die wiederum aus halbierten Ölfässern mit einem Brettals Sitzgelegenheit obendrauf bestanden. Die behelfsmäßige Latrinenanlage war ein Quell für lebensgefährliche Infektionen und stank bestialisch. Jeden Abend wurden die Fässer von einer Gruppe Gefangenen zum entleeren nach draußen gebracht. Da es im Stollen kein Trinkwasser gab, stillten die Häftlinge in ihrer Not ihren großen Durst mit Wasser von den Stollenwänden. Einige benutzten auch ihr Urin, um sich einigermaßen den Staub vom Körper zu waschen. Die karge Nahrung der Zwangsarbeiter bestand im wesentlichen aus Kaffee-Ersatz und trockenem Brot. Manchmal gab es auch eine Scheibe Wurst und etwas Margarine dazu. Am Nachmittag und am Abend gab es eine dünne Suppe zu essen. Die Arbeit im Stollen selbst war sehr kräftezährend und gefährlich. Unter den wachsamen Augen der SS-Aufsehern mussten die Häftlinge den Stollenausbruch von Hand beseitigen. Zu den ständigen Schlägen und Tritten der Kapos, die die Arbeit sowieso schon genug erschwerten, kam auch noch die Tatsache, daß Grubenunfälle an der Tagesordnung waren. Die Häftlinge arbeiteten in 12-Stunden-Schichten Tag und Nacht in dem Stollensystem. Die Hauptaufgaben waren: Stollenvortrieb, Betonieren, Lüftungsschächtebohren, die Öltanks und Fässer der WIFO demontieren, elektrische Leitungen verlegen und Maschinen installieren. Desweiteren wurden auch falsche Eisenbahnschienen als Scheinanlage und Scheinziel im Gelände verlegt. Zusätzlich mussten die Zwangsarbeiter ihr eigenes Konzentrationslager etwa einen Kilometer von den Fahrstollen entfernt erbauen. Das Konzentrationslager (kurz KZ) umfasste in seinem Endausbau 56 Wohnbaracken, 12 Wirtschaftsbaracken,10 Krankenhausbaracken, 3 Verwaltungsbaracken, 2 Badehäuser, ein Krematorium und ein Gefängnisblock, den sogenannten Bunker. Das Konzentrationslager amRande des Kohnsteins erhiet den Namen Dora und war ursprünglich ein Außenlager von Buchenwald. Jede Gefängnisbaracke war abgeteilt in einen Schlafraum mit zweistöckigen Schlafkojen und einem Speiseraum, der mit Bänken und Tischen ausgestattet war. Das Konzentrationslager Dora war das Letzte, welches im nationalsozialistischen Deutschland errichtet wurde. Es war auch ein Geheimlager und niemand. der nicht etwas mit dem Projekt Mittelwerk zu tun hatte, sollte das Lager mit dem ganzen Elend zu Gesicht bekommen. Im Sommer 1944 wurde das KZ "Dora" noch einmal erweitert. So entstanden noch zusätzlich ein Sportplatz, eine Kantine, ein Kino, ein Löschteich und für einige Zeit auch ein Bordell. Letzters wurde aber hauptsächlich von den Vorarbeitern und den Kapos besucht. Hinzu kam noch der SS-Komplex, bestehend aus 25 Gebäuden für rund 900 Wachen und das SS-Personal. Das gesamte Lager "Dora" war mit einem elektrischen Zaun und 18 Wachtürmen umgeben. Vor dem Eingang zum Lager Dora standen auch Dywidag-Splitterschutzzellen für das Wachpersonal. Die Reste der Dywidag-Zellen liegen heute noch im Gelände herunm. Die Häftlingzahl stieg rasch an. Waren es noch 6.000 Häftlinge, die im Oktober 1943 von Buchenwald überstellt wurden, stieg die Zahl gegen Ende des Jahres auf 10.000 Gefangene an. Sie bestanden zum größten Teil aus Russen, Polen und Franzosen. Aber auch kleinere Gruppen anderer Nationalitäten wurden dort eingesperrt. Die Hälfte der Zwangsarbeiter, also 5.000, lebten in dem oberirdischen Barackenlager. Die andere Hälfte war noch immer in dem Stollensystem untergebracht. Nach der Fertigstellung des Lagers "Dora" kamen auch diese Unglücklichen nach und nach wieder ans Tageslicht. Die letzten Gefangenen verließen im Juni 1944 die unterirdischen Schlafstollen im Mittelwerk .Die Sterblichkeitsrate im KZ-Dora war groß. Die schlechten Lebensbedingungen, die schwere Arbeit, der Hunger und nicht zuletzt auch die Misshandlungen führten dazu, daß von den 17.500 Häftlingen, die bis zum April 1944 nach Dora geschickt wurden, etwa 3.000 um Leben kamen. Ihre ausgemergelten Leichname wurden bis Ende März zum Verbrennen zurück ins Konzentrationslager Buchenwald geschickt. Danach hatte das KZ "Dora" sein eigenes Krematorium...


U-Verlagerung Mittelwerk - gigantische Stollen im Berg


Zeitgleich wurde auch mit dem Ausbau der unterirdischen Rüstungsfabrik begonnen. Das Stollensystem war fertiggestellt. Dutzende von Zügen kamen täglich auf der Baustelle an und lieferten tonnenweise Baumaterial für die Untertage-Verlagerung "Mittelwerk".  Ab dem 19. September 1943 wurden die Maschinen, die Ausrüstung und das Personal mittels Sonderzügen von den drei oberirdischen Produktionsstätten nach Nordhausen gebracht. Zur einer persönlichen Inspektionder Fabrik im Kohnstein kam Albert Speer, begleitet von Kammler und Gegenkolb am 10. Dezember 1943 nach Nordhausen. Er war beeindruckt von der Größe der U-Verlagerung, weniger aber schien ihn das Elend der Zwangsarbeiter im Mittelwerk zu interessieren. Nachdem die Maschinen im Stollen eingebaut waren, konnte ebenfalls im Dezember die untertägige Versuchsproduktion der V2-Raketen beginnen. Sämtliche Häftlinge, außer die, die das Lager Dora weiter ausbauten, wurden für die Montage der V2-Raketen eingesetzt. Neujahr 1944 rollten die ersten drei Raketen im Fahrstollen B vom Montageband. Die drei Raketen mit den Nummern 17001 - 17003 wurden zur Versuchsanstalt "Kitz" nach Peenemünde geschickt. Als sie dort eintrafen, erwiesen sie sich als so fehlerhaft, daß die V2-Raketen nicht getestet werden konnten. Als Rakete Nummer 17003 schließlich am 27. Januar abgeschossen wurde, versagte sie kläglich und Explodierte mit einem lautem Knall. Auch weitere Probestarts verliefen nicht ganz fehlerfrei, so daß mehrere große Krater in der Landschaft zurück blieben. Da das Aggregat 4 (A4), wie die V2-Rakete urprünglich hieß, aus 20.000 verschiedenen Einzelteilen bestand, war die enorme Anzahl der Fehler einfach auf die Komplexität der Rakete zurückzuführen. Anderseits gab es auch viele Möglichkeiten den Zusammenbau der V2 zu sabotieren. Das führte dazu, daß technisch erfahrene Häftlinge verantwortlich gemacht und gezwungen wurden, die Arbeit der Mithäftlinge genauestens zu kontrollieren. Im Januar 1944, im ersten Produktionsmonat der U-Verlagerung Mittelwerk, wurden lediglich 50 Flugkörper fertiggestellt. An der Verbesserung der A4-Rakete wurde ständig mit Hochdruck gearbeitet und die Produktion stieg somit stetig an. Im Februar wurden schon 86 und im März schon 170 V2-Raketen im Berg hergestellt. Im April verließen schon 253 Raketen die Stollen der unterirdischen Produktionsanlage. Im Mai 1944 waren es dann bereits 437 Stück. Aus der untertägigen Fabrik im Kohnstein wurden die V2-Raketen ohne Sprengladung ausgeliefert. Die Flugkörper wurden gut getarnt zu den DEMAG-Flugzeugwerkenbei Berlin gebracht. Dies geschah mit der Deutschen Reichsbahn. Dort wurde dann der Gefechtskopf in einem Munitionsdepot des Heeres auf die Spitze der Rakete montiert. Doch zurück zum Mittelwerk, zum Querstollen 41: Das Besondere an dieser Montagekammer war, daß hier die Raketen senkrecht aufgestellt werden konnten. Der Querstollen Nr.41 diente zur Endkontrolle und zum Abschlusstest der V2-Raketen. Hierzu wurde der Boden um 15 Meter abgesenkt, so daß die Halle groß genug für die V2-Raketen war. Ein besonders gefährlicher Bereich für die Arbeiter war die Kammer Nr.38. Hier war die Galvanik untergebracht. (Unter Galvanotechnik (auch Elektroplattieren genannt) versteht man die elektrochemische Abscheidung von metallischen Niederschlägen (Überzügen) auf Gegenständen. Die Geschichte der Galvanik, wie die Galvanotechnik umgangssprachlich bezeichnet wird, geht zurück auf den italienischen Arzt Luigi Galvani, der am 6. November 1780 den nach ihm benannten Galvanismus entdeckte.) Die Häftlinge, die in diesem Bereich eingesetzt waren, wurden durch die Dämpfe und Gase unweigerlich vergiftet. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Gefangenen im Galvanotechnik-Stollen 38 berug hier nur einen Monat. Im Mai 1944 endete die die erste Phase des Mittelwerks im Kohnstein. Viele Veränderungen in der U-Verlagerung, im Lager Dora, in der Organisation der Mittelwerk-Gesellschaft und der rasche Wachstum der UT-Fabrikationsanlage führten dazu, daß eine Neuorganisation dringend erforderlich wurde. An oberster Stelle gab es einige Umbesetzungen. Aber die mit Sicherheit größte Veränderung bestand darin, daß die V2-Produktionsfabrik "Mittelwerk" von nun ab nicht mehr der alleinige Nutzer der Untertageanlage sein sollte. Nun versuchten auch andere Teile der deutschen Kriegsindustrie, vor allem die Flugzeugindustrieihre Fertigungsstätten in den Untergrund zu verlagern. Nach zunehmenden Luftangriffen auf die Flugzeugindustrie des Deutschen Reichs gründeten Rüstungsminister Albert Speer und Generalfeldmarschall Erhard Milch, dem stellvertretendem Chef des Reichsluftfahrtsministeriums, anfang März 1944 gemeinsamden sogenannten "Jägerstab". Der Jägerstab war die Sonderdienststelle zur Aufrechterhaltung der Jägerproduktion des Deutschen Reichs. Zum geschäftsführenden Leiter des Jägerstabs wurde Karl Otto Saur benannt. Karl Otto Saur führte darauf hin auch ein erfolgreichen Feldzug für mehr unterirdische Räume für die Flugzeugproduktion durch.


(A-Projekte: U-Verlagerungen des Jägerstabs in vorhandene Hohlräume, siehe auch U-Verlagerung "Rebhuhn/A1" oder "Heller/A5")